Von Laeken über die Leopoldstadt nach Etterbeek

Heute vor genau 10 Jahren wurde ich zur Leiterin des Verbindungsbüros der Stadt Wien zur EU bestellt. In diesem Jahrzehnt hat sich viel getan, persönlich und menschlich, beruflich und politisch. Zeit für eine kleine Bilanz. Und natürlich einen Ausblick! Denn wo wären wir ohne Visionen?

Nach Brüssel zu gehen, war ein wenig wie in die zweite Heimat zurückzukommen, denn ich war ja in meinem Leben davor schon zwei Mal länger hier. Als Kind besuchte ich die „École Communale de Laeken“, die Volksschule in Brüssel. Später, als junge Erwachsene, konnte ich als eine der ersten ÖsterreicherInnen ein Praktikum bei der Europäischen Kommission machen, noch vor dem EU-Beitritt Österreichs. In jeder beruflichen Etappe seither habe ich immer wieder Wien und Europa, Wien und die Welt gemischt, geschüttelt und gerührt. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, die tiefe Gewissheit, dass Menschen und Länder in Europa seit vielen Jahren und Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, miteinander auf so viele Arten und mit so vielen Geschichten verwoben sind, ist Teil meiner Identität, meines Lebens.

Wien kann Stadt, so einfach ist das.

Das wirkt auch ganz stark in meine tägliche Arbeit hinein. Bei der „kommunalen Interessenvertretung in der EU“, wie es so schön heißt, sind wir als Stadt Wien gut aufgestellt, mit viel kluger Expertise daheim, „im Magistrat“, und dem Wien-Haus, als Antenne der Stadt Wien in Brüssel. Wien ist eine Stadt, die viele bewundern und von der viele lernen wollen, gerade, wenn es um die großartige Lebensqualität geht. Für die Stadt Wien zu arbeiten, öffnet daher Türen, auch in den EU-Institutionen. Wien kann Stadt, so einfach ist das. Allerdings: Mit Wiener Schmäh und Erfahrung alleine – und überhaupt als Stadt alleine – kommt man und frau im EU-Biotop nicht weiter. Als Städte erreichen wir mehr, wenn wir uns zusammentun, in Verbänden und Netzwerken. Da können wir voneinander lernen und gemeinsame Positionen entwickeln, um EU-Politik städteverträglicher zu machen. Dabei sind wir schon ganz schön weit gekommen, auf die Städte wird jetzt mehr gehört als vor 10 Jahren, unsere Expertise ist gefragt, unsere BürgermeisterInnen werden gerne eingeladen. Allerdings liegt da noch ein Stück harter Arbeit an der Verfasstheit der Institutionen vor uns, denn bis wir soweit sind, in der komplexen europäischen Gemengelage eine urbane DNA zu haben, dauert es noch. Aber das muss das Ziel sein: dass die Städte selbstverständlich mit am Tisch sitzen, wenn EU-Gesetze gemacht werden.

My big fat European urban family

Seit 10 Jahren zu spüren und zu leben, wie es ist, Teil einer urbanen Familie in Europa zu sein, ist einfach wunderbar und bereichernd. Die Vielfalt der Lösungen, die Städte immer wieder finden, ist erstaunlich und bewundernswert. Gerade, wenn die Rahmenbedingungen nicht so einfach sind.

Zum dritten Mal erlebe ich nun die Zeit nach einer Europawahl, in der sich das Europäische Parlament neu würfelt, in der die Kommission sich frisch aufstellt. Oder besser der Rat, also die Mitgliedstaaten, die Kommission  bestimmt, denn so demokratisch sind wir noch nicht in der EU. Die inzwischen erworbene professionelle Erfahrung hilft, schneller und routiniert zu analysieren, was das für Städte bedeutet, welche Rahmenbedingungen wir da in den kommenden fünf Jahren zu erwarten haben, welche Themen Priorität haben werden, und welche Themen weiter wirklich wichtig sind, für Europa und Wien: Sozialer Zusammenhalt, Klimaschutz und Stabilität in den Beziehungen der Staaten und der Menschen.

Europäerin und Wienerin

So, wie ich in Brüssel, in der EU die „Wienerin“ bin, bin ich in Wien die „Europäerin“. Wien ist mein Kompass, gibt Bodenhaftung, weit über das rein Berufliche hinaus. Ich bin in Etterbeek und in der Leopoldstadt daheim, und übersetze nicht nur Deutsch und Französisch, sondern auch Wienerisch in die inoffizielle gemeinsame EU-Sprache, „bad english“ (na, so schlecht ist mein Englisch nicht). Die Beziehung zwischen Wien und Brüssel oder der EU immer wieder herzustellen, zu vertiefen, ist unser Kerngeschäft, dessen Hauptkapital die Menschen sind. Die vielen BesucherInnen, SchülerInnen, Studierende, PensionistInnen, in Gruppen oder einzeln, die wir aus Wien empfangen, knüpfen das Band immer wieder aufs Neue, das den Zusammenhalt trägt. Die vielen Kolleginnen und Kollegen, die tage- oder wochenweise, manchmal auch für einen Monat oder noch länger mit uns im Wien-Haus gearbeitet haben, hier „EU gelernt“ haben, sind danach die besten BotschafterInnen Europas in der Stadt. Und genauso ist es, wenn ich in Wien oder anderswo über Europa spreche, lehre, gerne auch einmal trefflich streite. Der Dialog bringt uns weiter, das Schweigen führt zu Stillstand oder Unbehagen, im schlimmsten Fall Ablehnung. Denn wenn wir es ernst meinen mit der europäischen Demokratie, wenn wir wollen, dass das Gefühl der Zusammengehörigkeit auf eine institutionelle Ebene gebracht wird, eine urbane DNA in eine Verfassung geschrieben wird, dann müssen wir das im besten Sinne des Wortes miteinander erhandeln und erstreiten.

Bei all den verschiedenen Themen der letzten Jahre war immer klar: auf Wien kann ich stolz sein, denn es ist lebendig und liebenswert, stabil und innovativ, es grantelt und hat gleichzeitig ein goldenes Herz. Ich bin auch stolz, als „Chefin des Wien-Hauses“ hier in Brüssel vorgestellt zu werden, dieses Büro leiten zu dürfen. „Die Chefin“, so nennen mich meine wunderbaren KollegInnen im Büro. Es ist ein feines, kleines Team, mit dem die Stadt Wien in Brüssel ihre Interessen vertritt, und ich bin jeden Tag froh und dankbar, mit so klugen und umsichtigen Menschen arbeiten zu können.

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