It´s not a glass ceiling. It´s a thick layer of men.

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das ist ein kleiner Beitrag, den ich für einen spannenden, klugen, jungen feministischen Blog geschrieben habe – es lohnt sich, reinzuschauen: Wine & Vaginas.

In der Brussels Bubble ist Geschlechterdemokratie ein Fremdwort.

Die Brüsseler EU-Blase ist ja so eine Sache. Also aus feministischer Sicht. Fein, und ganz normal, dass es sehr viele Frauen in den EU-Institutionen und darum herum gibt, die sehr gute Arbeit zu vielen verschiedenen Themen machen. Interessant, dass es fast keine wie immer gearteten Debatten zur Geschlechterperspektive in all diesen Themen gibt. Die Folgen der Austeritätspolitik für Frauen? Kein Thema. Die Betroffenheit der Frauen durch die Finanzkrise und deren schwierigerer Zugang zu Krediten? Auch kein Thema. Die Flüchtlingskrise aus Frauenperspektive? Nie gehört. Die soziale Agenda der EU? Schon lange nicht mehr im Fokus… und von wegen Geschlechterdifferenz dabei.

Schon gar kein Thema ist das Sichtbarmachen von Frauen als Expertinnen auf den vielen Podien und in den zahlreichen „High Level Groups“ etcetera, die es im EU-Brüssel gibt. Und das wird – auch von den vielen Frauen hier – meist nicht mal hinterfragt. Das Modell „Männer diskutieren als Experten, eine Frau darf moderieren“ ist in der „Brussels Bubble“ hoch im Kurs (eine weitergehende Variation dieses Stücks ist „Frauen verhandeln, Männer unterschreiben den Vertrag“). Wenn ich solche Männergesangsvereine mit Damenbegleitung, was ich notorisch und stets sehr gerne tue, hinterfrage, ernte ich ein empörtes „Aber geh, sei nicht so empfindlich!“. Als wäre es mein Privathobby. Oder gar ein „Es geht ja schließlich um Inhalte, oder?“. Durchsichtiger Versuch, die Kritik klein zu machen. Am besten ist aber schon immer „Oh, das ist uns gar nicht aufgefallen.“ Erstaunlich. Immerhin ernte ich da zumindest eine Verteidigungshaltung, die möglicher Weise Ausdruck eines (höchst kurzfristigen!) schlechten Gewissens ist. Immerhin. Nur: diese Aussagen kommen nicht nur von Männern, von denen ich eh nicht automatisch einen geschlechtersensiblen Zugang bei der Planung und Organisation ihrer Veranstaltungen oder beim Verfassen ihrer Analysen und Berichte erwarte. Nein, sie kommen auch von nicht wenigen der vielen, klugen, beeindruckenden, interessanten, gut vernetzten und selbstbewussten Frauen, die in diesem männlich dominierten Polit-Biotop arbeiten. Von denen, natürlich, und zum Glück, auch welche gender-sensibel, Frauenrechtlerinnen, Feministinnen sind.

„Quote? Ich bin doch keine Quotenfrau!“

Dieser Satz tönt mir dann doch sehr häufig mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Verachtung entgegen – von einigen dieser jungen und jüngeren Frauen, die es aus ganz Europa nach Brüssel verschlagen hat. Meist sind sie gut ausgebildet, haben Uni- und noch einen Zusatzabschluss, sprechen mehr als eine Sprache, arbeiten für interessante Organisationen und Unternehmen. Sie finden, sie brauchen keine Quote, überhaupt sei das ein veraltetes Konzept der 70er Jahre. Sich als Feministin zu bezeichnen, finden sie nachgerade schrullig, wenn nicht komplett retro. Das, so versichern sie mir, hätten sie doch nicht nötig. Sie seien ja selber so gut, sagen sie stolz, sie würden schon ihren Weg machen. Ihre Pläne sind natürlich durchaus ambitioniert. Alle wollen gestalten, was ändern, was bewegen. Dazu, soviel wissen sie, ist Macht wichtig. Und Machtpositionen. Bloß, wie wollen sie dahin kommen, durch die gläserne Decke, die eigentlich eine dicke Schicht von Männern ist, auch in Brüssel?

Immer noch gilt: „Mehr Frauen heißt weniger Männer“.

Denn die Vorgesetzten dieser Ich-lehne-die-Quote-ab-es-reicht-dass-ich gut-bin-Frauen sind merkwürdiger Weise meist Männer. Tja. Das ist sicher Zufall, oder? Nö, sage ich. So ist das System. Und dann ich ein paar Igitt-Dinge über die patriarchale Dominanz in unserer Kultur und Gesellschaft. Bäh. So gruselige, unangenehme Sätze wie „Die Jungs sind halt lieber unter sich.“ Und diese jungen Frauen? Die glauben es noch immer nicht. Aber sie beginnen ein wenig zu grübeln, wenn ich ihnen ein paar Statistiken aufzähle. Frauen in Politik und Wirtschaft. In Verwaltung und Medien. In Wissenschaft und Forschung. Und und und…

Quote ist für alle, nicht für eine. Genau wie der Feminismus.

Wenn das alles nicht oder nur ein wenig hilft, stelle ich fest: „Es nützt Euch doch nix, gut zu sein als Frauen. Ihr müsst besser sein, viel besser, als Eure männlichen Kollegen.“. Das wissen sie dann schon irgendwie. Finden es, vielleicht verschämt, aber doch, schon ungerecht. Und dann bitte ich sie, zu überlegen, wie es sein kann, dass das Mittelmaß bei den Männern so oft reicht (das war jetzt höflich), während bei Frauen die Exzellenz gerade mal gut genug ist, um in Machtpositionen zu kommen. Nur wenige von diesen brillanten jungen Frauen, von denen natürlich auch welche feministisch denken oder die zumindest die Frauenfrage nicht als komplett außerhalb der Agenda abstempeln, werde ich später in Spitzenfunktionen sehen. Ist reine Statistik. Es reicht einfach nicht. Um allen Frauen ihr selbstverständliches Recht auf Selbstverwirklichung und Lebensglück – und einen gerechten Anteil an der Macht – zu geben, brauchen wir die Quote. Für alle, nicht für eine. Soviel Egoismus ist den jungen Frauen dann doch peinlich. Und sie sehen ein, dass Feminismus kein individueller Lifestyle ist, sondern etwas für alle Frauen. Immer und überall. Und selbstverständlich.

Brüssel ist aus feministischer Sicht prädemokratisch.

Dass wir hier in Brüssel, in unserem EU-Biotop, immer noch, immer wieder darum kämpfen müssen, darüber zu reden, ist eine bizarre Erfahrung. In der Hauptstadt der spannendsten Demokratie der Welt, mit über 500 Millionen Menschen, aus 28 Staaten, sind Frauenthemen aller Art rar. Das hat auch damit zu tun, dass so wenige Frauen sich in den Toppositionen der Institutionen und deren Umfeld, das zu 80 Prozent aus Wirtschaftslobbies besteht, wieder finden. Die Quote brauchen wir also noch lange, anders geht das alles viel zu langsam. Und in viel mehr Bereichen. Überall da, wo die öffentliche Hand einen Einfluss hat, jedenfalls. Da habe ich viele Ideen. Und mehr als 50 Prozent Frauen ist auch in Ordnung, Jungs. Wir haben ja historisch ein paar Jahrhunderte wett zu machen.

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