Und jetzt führt der Weg zum Licht, zur Sonne.

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Jugendgedenkmarsch, Mauthausen, 11. Mai 2014

Courtesy to Laura Schoch

Laura Schoch ist Vorsitzende der österreichischen Bundesjugendvertretung (Vertreterin der Sozialistischen Jugend) und hielt diese Rede beim Kinder- und Jugenddenkmal im ehemaligen KZ Mauthausen im Rahmen der Gedenk- und Befreiungsfeiern 2014

laura schochWie jedes Jahr am Sonntag nach dem 8. Mai, dem Tag der Befreiung, stehen wir hier im ehemaligen KZ Mauthausen bei jenem Denkmal, das Kindern und Jugendlichen gewidmet und in ihrem Auftrag bzw. mit ihrem Engagement hier entstanden ist. Wir alle haben hier eine besondere Aufgabe. Wir sind hier, weil wir es nicht akzeptieren können, dass es PolitikerInnen gibt, die uns vermeintlich neue Ideen verkaufen wollen, obwohl wir beim genaueren hin sehen gleich bemerken, dass sie die Ewiggestrigen sind. Wir sind hier, weil wir es nicht dulden wollen und können, dass diese Gedenkstätte in regelmäßigen Abständen geschändet wird und wir sind hier, weil wir uns unserer Verantwortung bewusst sind.

Vor wenigen Tagen wurde am stets umkämpften Wiener Heldenplatz anlässlich des 8. Mai zum zweiten Mal das Fest der Freude gefeiert. Es hat viel zu lange gedauert, dass das offizielle Österreich den Platz der extremen Rechten und ihrer Trauer über ihren verlorenen Krieg nicht mehr überlassen hat, sondern würdig gedenkt und erinnert. Gedenken und Erinnern ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick vielleicht wirkt. Gedenken und Erinnern heißt, sensibel für gesellschaftspolitische Entwicklungen zu sein, es heißt Kontinuitäten zu erkennen und wachsam zu sein – kein aufkeimender Rechtsextremismus, keine Verharmlosung der Geschichte darf von uns unbemerkt bleiben, das ist Teil unserer Verantwortung.

Was zwischen August 1938 und Mai 1945 in Mauthausen geschehen ist, dürfen wir nicht als etwas Abgeschlossenes abtun, zu lange und bis heute ist die Geschichte des offiziellen Österreichs ein politisches Feld, in das wir uns einmischen müssen. Während man darum bemüht war, einen Mantel des Schweigens über die Zeit des Faschismus in Österreich zu legen, konnten die Täter von damals in allen gesellschaftlichen Bereichen Fuß fassen und sich politisch vernetzen. Wer heute ehrlich gedenken und erinnern möchte, muss zeitgleich die Täter von gestern benennen und lautstark aufzeigen, dass in ihrem Vermächtnis noch heute rechte Politik gemacht wird. Unser Jugendgedenkmarsch ist also ein politisches Zeichen – heute mehr denn je, denn rassistische und faschistische Politik versucht offen oder versteckt ihren Weg zu finden, sei es über öffentliche Diskurse oder offene Provokationen, wie die Beschmierung der Gedenkstätte Mauthausen in der Nacht von letztem Donnerstag auf Freitag. Die Rechten von heute suchen sich ihre Feindbilder, sie übersetzen ihre alte Ideologie in eine für das 21. Jahrhundert passende Sprache und versuchen neue Feindbilder zu konstruieren. Wir dürfen sie hier nicht durch lassen, nein wir müssen aufzeigen, wo diese Ideologie herkommt – der alte Spruch „No pasaran!“ hat nicht an Gültigkeit verloren.

Seitdem ich politisch aktiv bin, ist Rechtsextremismus und Faschismus ein brennendes Thema für Jugendorganisationen. In zwei Wochen wählen wir das europäische Parlament, Rechte machen auch hier mobil und versuchen Nationalismus groß zu schreiben. Vor wenigen Wochen musste Mölzer als Spitzenkandidat der Freiheitlichen für die EU-Wahlen zurücktreten, er ist über seinen offenen Rassismus und Rechtsradikalismus gestolpert, dass er aufhören wird, Politik zu machen, dürfen wir nicht glauben. Zeitgleich formieren sich überall in Österreich Gruppen, die versuchen rechter Politik ein jugendliches Gesicht zu geben: die Identitären. Mit neuen Slogans, einer schwieriger zu enttarnenden Rhetorik und einem „pseudo-jugendkulturellen“-Gewand versuchen sie, junge Menschen für rechts-außen-Politik zu gewinnen und zu organisieren. Wir alle, die wir hier stehen, wollen dabei nicht zusehen, nein wir wollen mit Kindern und Jugendlichen arbeiten und so ein Erstarken der Rechten verhindern und auf diese Tricks, die rechtsextreme Politik salonfähig machen will, nicht hereinfallen.

Wir benennen also aktiv die Täter von damals und heute. Gleichzeitig gedenken wir den Opfern des faschistischen Regimes. Die Befreiungsfeiern stehen jährlich unter einem Thema, heuer hat man sich auf „Wert des Lebens“ geeinigt. Ein Thema, das in einem kurzen Redebeitrag (insbesondere aus jugendpolitischer Perspektive) sehr schwer zu bearbeiten ist, denn die Ereignisse von vor knapp 70 Jahren lassen sich nicht auf heute übersetzen, während sie doch unseren Alltag und die politischen Diskurse beeinflussen. Was ist der Wert des Lebens und können wir aus der Politik von damals Rückschlüsse auf heute ziehen? Diese Frage ist eine große, die unsagbar viele Überlegungen braucht, die Köpfe von WissenschafterInnen rauchen täglich über dieser Frage. Wir werden regelmäßig mit Argumenten konfrontiert, die diesen damals definierten Wert des Lebens aufgreifen wollen, seien es Diskussionen über aktive Sterbehilfe oder Schwangerschaftsabbrüche. Doch wir müssen uns alle dessen bewusst sein, dass keines dieser Themen vergleichbar ist oder jemals sein wird mit der Politik, die vor über 69 Jahren hier und in an allen Orten der Verfolgung, Ausbeutung und des Massenmordes gemacht wurde.

Zum Abschluss möchte ich euch sehr verkürzt die Geschichte einer Antifaschistin erzählen, deren Leben für die Faschisten von damals nichts wert war. Käthe Leichter wurde als Jüdin definiert und war im Widerstand aktiv, sie hat gemeinsam mit Rosa Jochmann dafür gekämpft, das Konzentrationslager zu überleben und auch dort aktiv Politik gemacht, an der sich andere festhalten konnten. Bevor sie während der Euthanasie-Aktion 14F13 von den Faschisten vergast wurde, hat sie zahlreiche Gedichte verfasst, nur ein einziges davon ist geblieben.

Käthe Leichter war überzeugt davon, den Terror zu überleben und ließ all ihre Texte vernichten, die Überlebende Viktoria Fila hat eines der Gedichte in Erinnerung behalten, es muss uns Auftrag und Motivation gleichzeitig sein:

Und wer uns sieht, sieht die Furchen, die das Leid uns in das Antlitz geschrieben, sieht Spuren von Körper- und Seelenqualen, die uns ein bleibendes Mal geblieben.

Und wer uns sieht, sieht den Zorn, der hell in unseren Augen blitzt, sieht jauchzend Freiheitsjubel, der ganz unsere Herzen besitzt.

Und dann reihen wir uns ein in die letzte große Kolonne, dann heißt es zum letzten Male: Vorwärts Marsch! Und jetzt führt der Weg zum Licht, zur Sonne.

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