Mythos 5: „Wir leben über unsere Verhältnisse“

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Netto-Reallöhne schon seit Anfang der 90er Jahre kaum gestiegen

In der deutschsprachigen Öffentlichkeit wird häufig die Behauptung aufgestellt, dass die Krisenländer jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt hätten. In der Tat hat der kreditfinanzierte Boom den Menschen in den betroffenen Ländern eine volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit vorgegaukelt, die so in der Realität nicht bestand.

Behauptungen aber, die Krisenländer hätten eine große verschwenderische Party gefeiert, gehen weit an den Tatsachen vorbei. Trotz moderater Reallöhne vor der Krise zahlen die Menschen aus den unteren und mittleren Einkommensschichten dort jetzt einen hohen Preis dafür, dass Banken, Investoren, Regierungen und internationale Organisationen meinten, mit dem Wirtschaftswachstum könne es nicht schnell genug gehen, auch auf die Gefahr hin, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht.

Grafik Mythos 5

Tatsächlich leben wir in Deutschland und Österreich unter unseren Verhältnissen: Der Lohnsetzungsspielraum, also die Summe aus Produktivitätswachstum und dem Inflationsziel der EZB, wurde insbesondere in Deutschland und Österreich nicht ausgenutzt. Geringere Löhne bedeuten jedoch geringeren Konsum. Wegen der damit niedrigeren Binnennachfrage investierten die (deutschen und österreichischen) Anleger in Südeuropa, wo höheres Wachstum auch höhere Erträge versprachen. Dadurch wurde insbesondere die Immobilienspekulation dieser Länder zusätzlich angeheizt. Die dortige Nachfrage erklärt auch zu einem Gutteil unsere vergangenen Exporterfolge.

Zwar stimmt es, dass sich die Reallöhne im Vergleich zum Euroraum in Deutschland zwischen 2000 und 2008, also bis Krisenbeginn am schwächsten entwickelt haben. Mit dem Euro hat das jedoch nicht viel zu tun. Lohnzurückhaltung war erklärtes Ziel von Politik und Sozialpartnern (Stichwort: Bündnis für Arbeit und Hartz IV). Die Netto-Reallöhne waren in Deutschland schon seit Anfang der 90er Jahre kaum gestiegen; von 2004 bis 2008 gingen sie sogar zurück! Nie zuvor ging in der Bundesrepublik ein durchaus kräftiges Wirtschaftswachstum mit einer Senkung der realen Nettolöhne über mehrere Jahre einher.

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